Liebe in Zeiten der Bedrohung

Eine Gastrezension von Jens-Philipp Gründler, einem der Autoren der Literaturzeitschrift HALLER:

Schwarzen Humor beweist die Autorin Corinna Griesbach in ihren Science-Fiction-Kurzgeschichten, die unter dem Titel »Alien Love« in der p.machinery erschienen sind.
Die finale Story des Bandes, »Simons letzte Losung«, endet mit einem Cliffhanger und erweckt bei der Leserschaft den Wunsch, dass sie möglichst bald fortgesetzt werden wird. Simon, dem Alkoholismus frönender Ex-Förster, gerät unfreiwillig in ein Endzeitszenario, welches sich auf dem Planeten Erde oder »dem größten Klo des Universums« abspielt. Dabei bekommt es Simon, ein Spezialist für animalische Hinterlassenschaften im Wald, mit gigantischen Exkrementhaufen zu tun, die offenbar außerirdischen Ursprungs sind.

Wie auch bei den anderen Kurzgeschichten von Corinna Griesbach eröffnet sich den Lesenden ein ganz originärer, von alienesker Schönheit geprägter Kosmos, der einer eigenen Gesetzgebung folgt und einer eigentümlichen Logik gehorcht. Griesbachs immer wieder an Kafka erinnernder Humor macht den Charme von Geschichten wie »Emergency Alert« aus. Hierbei geht es um ein skurriles älteres Ehepaar und den Ich-Erzähler Matthias, Bewohner desselben Mehrfamilienhauses, die während eines Katastrophenalarms im Schutzkeller ausharren.
Die in Griesbachs Storys geschilderten Situationen und Gegebenheiten erweisen sich als hochaktuell und im Angesicht des Ukraine-Krieges als mahnend sowie visionär. Indirekt schwingt bei der Erzähltechnik der 1967 in Marbella, Spanien, geborenen Autorin eine spezifische ethische Haltung mit, die aber niemals dominant, geschweige denn moralinsauer wird. Und dennoch thematisiert Griesbach reale Bedrohungen, wie die kritische Lage der Umwelt und des Klimas, aber auch zukünftige Chancen. Es geht, neben der Schilderung der Ausbeutung des Planeten, um Raumfahrt, Begegnungen mit extraterrestrischem Leben und um die Möglichkeit, einen alternativen Himmelskörper zu bewohnen. Auch wenn Maschinenwesen am Werk sind, dem klassischen Konzept der Familie neuartige Facetten zukommen und die Fortpflanzung technisiert wird, bleibt die Liebe auf manchmal abstrakte Art und Weise romantisch und bedingungslos, alien love eben.

Jens-Philipp Gründler
Aus: Fantasia 987e. Aus der phantastischen Welt der Literatur, EDFC e.V., 2022

Griesbach, Corinna, ALIEN LOVE

Die Antwort ist nicht 42

Fragen. Wer legt eigentlich fest, wie lange ein Mensch lebt? Und was geschieht mit der Zeit, die übrig bleibt, wenn der Mensch vor seiner Zeit stirbt? Und wieso gibt es Menschen, die länger als erwartet leben?
Um solche Fragen geht es im aktuellen Buch von Ron Müller – und um einiges mehr. Denn es geht nicht nur um die Beantwortung wissenschaftlicher Fragen, sondern auch um das Rätsel des Todes eines Mediziners, der versucht hat, die Antworten zu finden, die eben nicht 42 lauten.

Müller, Ron, DAS ZWILLINGSPARADOXON

Was man sich gönnen sollte

Yvonne Tunnat nennt sich Rezensionsnerdista und absolviert ein Lesepensum, bei dem man blass wird. Gleichzeitig schreibt sie Rezensionen, die sich nicht auf wenige Sätze und die Wiedergabe des Klappentextes beschränken — ganz im Gegenteil. Ihre Besprechungen sind tief gehend und ausführlich, sie sind allein ein echtes Lesevergnügen. Und sie tun jedem besprochenen Buch wirklich gut.
Erwischt hat es zuletzt Bernhard Kempens »AURA«, den dritten Band der auf dem textilfreien Planeten Arkadia spielenden Reihe um Adrian und Greedy. Die Rezension sollte man sich wirklich gönnen — wie auch das Buch.

Kempen, Bernhard, AURA

 

Doch noch mal eine Reihe

Wie sind Serien von SF-Büchern nicht gänzlich abgeneigt, wie man an unserem Programm leicht erkennen kann, aber eigentlich versuchen wir, sie zu vermeiden. Nur bei manchen Manuskriptangeboten können wir dann auch nicht ausweichen, und so präsentieren wir mit Adrian Urbans »Die Killer-App« den ersten Roman um die Hauptfigur Ram Collins.
»Die Killer-App« zeigt uns, der wir heutzutage massenhaft Apps auf unseren Smartphones – und inzwischen auch auf PCs und Notebooks; es gibt ja keine Software, keine Programme mehr, nur noch Apps – installieren, dass bisweilen Vorsicht walten zu lassen eine gute Entscheidung ist. Eigentlich eine Binsenweisheit, denn zahlreiche Anbieter von Apps – sic! – gegen Viren, Trojaner und Konsorten machen nicht umsonst gute Geschäfte. Und trotzdem haben Malware-Bösewichter immer noch viel zu viel Erfolg …
Die App, um die es hier geht, kann nicht unbedingt als Malware gelten – und dennoch will Ram Collins sie nach der Installation auf seinem implantierten Cyberport – wer rennt in einem SF-Roman noch mit Smartphones rum? – doch wieder loswerden.

Urban, Adrian, DIE KILLER-APP. Ram Collins 1

Greedy zum dritten

Viel über Bernhard Kempen zu schreiben, das können wir uns vermutlich sparen. Er ist mindestens als Übersetzer in der SF-Szene bestens bekannt. Und nach »Arkadia« und »Darling« dürften auch seine Romane aus dem Xenosys-Universum bekannt geworden sein. Nun legt er den dritten Band namens »Aura« vor und stößt dabei in neue Sphären erotisch angehauchter Science-Fiction vor. Denn Aura ist nichts anderes als eine Kollektivintelligenz mit dem Erscheinungsbild eines riesigen Waldes – und seine Kommunikationsmöglichkeiten sind vielfältig …

Kempen, Bernhard, AURA

Nicht geklaut

Nein, Corinna Griesbach hat nicht aus der Anthologie »Ihr Haar zersprang wie blaues Glas« der Phantastischen Bibliothek Wetzlar geklaut. Die Geschichte, aus der sie hier liest, ist dort nicht erschienen, obwohl zumindest die Glasfarbe gepasst hätte: »Aus blauem Glas« heißt ihre Geschichte und sie liest:

Griesbach, Corinna, ALIEN LOVE

Keine Irreführung

Der Titel der neuen SF-Storysammlung von Corinna Griesbach mag irreführend wirken — aber es handelt sich schlicht um den Titel einer der enthaltenen Geschichten. Die Storys haben eine größere Bandbreite:  Raumfahrt, Begegnung mit anderen intelligenten Spezies, die Ausbeutung und das besenreine Verlassen unserer Welt werden zu denkbarer Fiktion. Maschinenwesen erfüllen ihren Auftrag, Familie bekommt eine neue Bedeutung und die Liebe bleibt vielleicht, was sie immer schon war: bedingungslos.

Und so frisch der Titel auch ist — Judith Madera hat auf Literatopia schon ein Urteil gefällt: hier. Und ihr Fazit lautet:

In »Alien Love« bietet Corinna Griesbach dreizehn thematisch sehr unterschiedliche, überwiegend gute bis sehr gute SF-Geschichten mit einem Schwerpunkt auf dystopischen Szenarien und weiblichen Figuren. Gekonnt verwebt sie SF-Elemente mit individuellen Schicksalen, entwirft faszinierende Skizzen aus der Zukunft und schafft Raum für eigene Gedanken und Gesellschaftskritik.

Griesbach, Corinna, ALIEN LOVE