Sex mit Außerirdischen?

Michael Kothe, Autor und Grafiker, hat sich Corinna Griesbachs Storysammlung zu Gemüte geführt:

Überblick

„Alien Love“, Sex mit Außerirdischen? Mit der Zufallsbekanntschaft aus der Spacebar auf Melmac? Weit gefehlt! Wer sich das von Corinna Griesbachs Buch erhofft, liegt falsch. Moralischer Tiefgang ist angesagt, auch wenn er dem Leser nicht sofort „ins Auge springt“. Als Mensch, der sich selbst Schriftsteller nennt, lese ich anders – nüchtern und analysierend. Doch auch mir erschloss sich die Erkenntnis nicht bei jeder Geschichte auf den ersten Blick.

Inhalt

Die Erzählungen spielen an exotischeren Orten als auf Melmac, nämlich auf einer Erde, die in apokalyptische Zustände verfällt. Dystopie, Endzeitstimmung, aber auch Hoffnung. Der Leser erinnert sich an „WALL-E – der Letzte räumt die Erde auf“, wenn er „Sarkophag“ liest, doch nur das Motto ist gleich, denn bei keiner Kurzgeschichte wurde abgekupfert. Kindliche Roboter als Belohnung für die in Armut lebenden Mütter, die ihre Kinder gebären für Bessergestellte. Und der berühmte große A****, der alles zu… Breit angelegt ist die Palette der Erzählungen, alle in ihrem eigenen Ambiente, alle mit unterschiedlichem Hintergrund und alle mit anderem Ausgang.

Schreibstil

Was man mir für das kreative Schreiben beigebracht hat, finde ich in Corinna Griesbachs Buch kaum wieder. Statt des immer geforderten „Show, don’t tell“ berichtet sie recht nüchtern, und Dialoge verwendet sie sparsam, weil ihre Figuren das Sprechen verlernt haben. Regelmäßig kreisen deren Gedanken ums eigene Schicksal, meist hadernd, seltener hoffnungsfroh. Alles ist sprachlich treffend eingefangen, nicht zuletzt dadurch, dass die Perspektive von Geschichte zu Geschichte wechselt. Der Ich-Erzähler kommt genauso zu Wort wie der auktoriale Erzähler, der alles weiß, oder die dritte Person, aus deren Blickwinkel der Leser nur erfährt, was sie selbst sieht und hört. Insgesamt „klingt“ das Buch so düster wie die Ausgangslage, die die Autorin jeweils vorstellt, um anschließend ein Plädoyer zu halten für Menschlichkeit und verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitmenschen und mit der Umwelt. Den belehrend erhobenen Zeigefinger bemerkt man erst bei genauerem Hinsehen, denn der Ton der Moral ist entgegen der oft an „Enemy Mine“ erinnernden Szenerie wohltuend leise. Wären die Geschichten Bilder, sähe ich Hieronymus Boschs Werke – nachgemalt von Picasso.

Fazit

Der zart besaitete Leser, der beim Titel Alien Love Liebesgeschichten der etwas anderen Art erwartet, hätte mit diesem Buch einen Fehlgriff getan. Es ist auch kein Buch, dessen Erzählungen man „einfach mal so nebenbei“ liest, denn dafür ist es zu düster, fordert gleichzeitig aber auf, Auswege zu entdecken. Jenen empfehle ich es, die Dystopien lieben, die den dafür angemessen schnörkellosen Schreibstil zu schätzen wissen, und die sich der leise ausgesprochenen Forderung nicht verschließen, Ansichten und Anordnungen zu hinterfragen, um genau die aufgezeigte Weltordnung zu verhindern. Je länger ich mich mit diesen Gedanken auseinandersetzte, desto besser gefielen mir die Geschichten.

Michael Kothe
https://autor-michael-kothe.jimdofree.com

Griesbach, Corinna, ALIEN LOVE

 

Herbert W. Franke zum Geburtstag

Herbert W. Franke feiert heute seinen 95. Geburtstag. Wir gratulieren — auch im Namen der Mitherausgeber der SF-Werkausgabe, Hans Esselborn und Ulrich Blode, sowie des Grafikkünstlers Thomas Franke — von ganzem Herzen, verbunden mit den besten Wünschen. Nebst einem Video präsentieren wir gerne einen ausführlichen Text des Francisco Carolinum, dem Museum für Fotografie und Medienkunst in Linz: hier.

Herbert W. Franke VISIONÄR

 

Liebe in Zeiten der Bedrohung

Eine Gastrezension von Jens-Philipp Gründler, einem der Autoren der Literaturzeitschrift HALLER:

Schwarzen Humor beweist die Autorin Corinna Griesbach in ihren Science-Fiction-Kurzgeschichten, die unter dem Titel »Alien Love« in der p.machinery erschienen sind.
Die finale Story des Bandes, »Simons letzte Losung«, endet mit einem Cliffhanger und erweckt bei der Leserschaft den Wunsch, dass sie möglichst bald fortgesetzt werden wird. Simon, dem Alkoholismus frönender Ex-Förster, gerät unfreiwillig in ein Endzeitszenario, welches sich auf dem Planeten Erde oder »dem größten Klo des Universums« abspielt. Dabei bekommt es Simon, ein Spezialist für animalische Hinterlassenschaften im Wald, mit gigantischen Exkrementhaufen zu tun, die offenbar außerirdischen Ursprungs sind.

Wie auch bei den anderen Kurzgeschichten von Corinna Griesbach eröffnet sich den Lesenden ein ganz originärer, von alienesker Schönheit geprägter Kosmos, der einer eigenen Gesetzgebung folgt und einer eigentümlichen Logik gehorcht. Griesbachs immer wieder an Kafka erinnernder Humor macht den Charme von Geschichten wie »Emergency Alert« aus. Hierbei geht es um ein skurriles älteres Ehepaar und den Ich-Erzähler Matthias, Bewohner desselben Mehrfamilienhauses, die während eines Katastrophenalarms im Schutzkeller ausharren.
Die in Griesbachs Storys geschilderten Situationen und Gegebenheiten erweisen sich als hochaktuell und im Angesicht des Ukraine-Krieges als mahnend sowie visionär. Indirekt schwingt bei der Erzähltechnik der 1967 in Marbella, Spanien, geborenen Autorin eine spezifische ethische Haltung mit, die aber niemals dominant, geschweige denn moralinsauer wird. Und dennoch thematisiert Griesbach reale Bedrohungen, wie die kritische Lage der Umwelt und des Klimas, aber auch zukünftige Chancen. Es geht, neben der Schilderung der Ausbeutung des Planeten, um Raumfahrt, Begegnungen mit extraterrestrischem Leben und um die Möglichkeit, einen alternativen Himmelskörper zu bewohnen. Auch wenn Maschinenwesen am Werk sind, dem klassischen Konzept der Familie neuartige Facetten zukommen und die Fortpflanzung technisiert wird, bleibt die Liebe auf manchmal abstrakte Art und Weise romantisch und bedingungslos, alien love eben.

Jens-Philipp Gründler
Aus: Fantasia 987e. Aus der phantastischen Welt der Literatur, EDFC e.V., 2022

Griesbach, Corinna, ALIEN LOVE

Die Antwort ist nicht 42

Fragen. Wer legt eigentlich fest, wie lange ein Mensch lebt? Und was geschieht mit der Zeit, die übrig bleibt, wenn der Mensch vor seiner Zeit stirbt? Und wieso gibt es Menschen, die länger als erwartet leben?
Um solche Fragen geht es im aktuellen Buch von Ron Müller – und um einiges mehr. Denn es geht nicht nur um die Beantwortung wissenschaftlicher Fragen, sondern auch um das Rätsel des Todes eines Mediziners, der versucht hat, die Antworten zu finden, die eben nicht 42 lauten.

Müller, Ron, DAS ZWILLINGSPARADOXON

Was man sich gönnen sollte

Yvonne Tunnat nennt sich Rezensionsnerdista und absolviert ein Lesepensum, bei dem man blass wird. Gleichzeitig schreibt sie Rezensionen, die sich nicht auf wenige Sätze und die Wiedergabe des Klappentextes beschränken — ganz im Gegenteil. Ihre Besprechungen sind tief gehend und ausführlich, sie sind allein ein echtes Lesevergnügen. Und sie tun jedem besprochenen Buch wirklich gut.
Erwischt hat es zuletzt Bernhard Kempens »AURA«, den dritten Band der auf dem textilfreien Planeten Arkadia spielenden Reihe um Adrian und Greedy. Die Rezension sollte man sich wirklich gönnen — wie auch das Buch.

Kempen, Bernhard, AURA

 

Meisterwerk aus Frauenhand

Gabriele Behrend ist die deutsche SF-Autorin, der wir inzwischen nicht mehr zutrauen, irgendwelchen Mist zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Natürlich sind ihre »kleinen Werke«, die weihnachtlich angehauchten Bücher im querformatigen Hardcover (vulgo: »Rosi und die frechen Früchtchen«, »Herr Schluff und der Elch« und die »Na|sen|gno|mo|no|mie«), etwas ganz anders, aber auch die haben ihren besonderen Reit – jedenfalls für Menschen, die genau nach solchen Werken suchen (und ja, wir haben noch Vorrat!).

Nach dem KLP- und DSFP-nominierten »Salzgras & Lavendel« aus dem Jahre 2020 gab es 2021 zwei Storysammlungen (vulgo: »Die Liebesmaschine« und »Humanoid 2.0«, Letzteres eine Neuausgabe einer älteren Sammlung namens »Humanoid«, aufgepumpt mit zwei neuen Storys) gibt es nun ein neues Werk, und wir haben uns einmal mehr entschlossen, das kleine Prachtstück nicht an ignorante SF-Fans zu verballern, sondern in der Reihe »Außer der Reihe« auch den Interessenten anderer Genres zugänglich zu machen.
»Das Dorf am Grunde des Sees« jedenfalls ist eine Geschichte mit einem eindeutigen SF-Element, mit einem leichten Fantasyeinschlag, mit einem winzigen Touch viktorianischen Flairs – und mit einer zauberhaften Story, die einen bis zum Schluss unter Spannung hält, denn auch, wenn man glaubt, frühzeitig zu wissen, wie das alles endet, so ist das Ende dann doch überraschend.

Behrend, Gabriele, Das Dorf am Grunde des Sees

Doch noch mal eine Reihe

Wie sind Serien von SF-Büchern nicht gänzlich abgeneigt, wie man an unserem Programm leicht erkennen kann, aber eigentlich versuchen wir, sie zu vermeiden. Nur bei manchen Manuskriptangeboten können wir dann auch nicht ausweichen, und so präsentieren wir mit Adrian Urbans »Die Killer-App« den ersten Roman um die Hauptfigur Ram Collins.
»Die Killer-App« zeigt uns, der wir heutzutage massenhaft Apps auf unseren Smartphones – und inzwischen auch auf PCs und Notebooks; es gibt ja keine Software, keine Programme mehr, nur noch Apps – installieren, dass bisweilen Vorsicht walten zu lassen eine gute Entscheidung ist. Eigentlich eine Binsenweisheit, denn zahlreiche Anbieter von Apps – sic! – gegen Viren, Trojaner und Konsorten machen nicht umsonst gute Geschäfte. Und trotzdem haben Malware-Bösewichter immer noch viel zu viel Erfolg …
Die App, um die es hier geht, kann nicht unbedingt als Malware gelten – und dennoch will Ram Collins sie nach der Installation auf seinem implantierten Cyberport – wer rennt in einem SF-Roman noch mit Smartphones rum? – doch wieder loswerden.

Urban, Adrian, DIE KILLER-APP. Ram Collins 1