Verfall, Aufbruch, Erlebnisse im Osten

Zaubi M. Saubert
GO EAST
Erlebnisse zwischen Verfall und Aufbruch
Außer der Reihe 13
p.machinery, Murnau, August 2015, 448 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978 3 942533 91 1 – EUR 13,90 (DE)

Im Sommer 1990, als die Wiedervereinigung vor der Tür steht, kommt Zaubi M. Saubert, vier Wochen vor Einführung der D-Mark, nach Halle an der Saale. Auch er gehört zu den Glücksrittern, die in der untergehenden DDR die schnelle Mark suchen. Doch er erlebt diese Zeit im wilden Osten, in der alles möglich scheint und vieles auch möglich ist, nicht an den schicken Bartresen der Interhotels, sondern in alternativen Wohnzimmerkneipen. Er verfolgt in einer Schwarzwohnung den größten Bankenskandal der deutschen Nachkriegszeit und wird beim Kohlenklauen in der Russenkaserne sogar verhaftet. Der Versuch einen Wohnberechtigungsschein zu erlangen scheitert. Als Deutscher im anderen Teil Deutschlands ist er plötzlich Ausländer und hat keinen Anspruch auf dieses begehrte Dokument.

»Hinter einem alten, vollgerümpelten Schreibtisch, schön unter dem Bild des großen Staatsratsvorsitzenden, saß eine blonde, füllige Frau Anfang fünfzig, mit weißer Bluse, und starrte mich feindselig an. Ihre grimmige Erscheinung wurde noch durch einen strengen Dutt unterstrichen. Ich musste unwillkürlich an Udo Lindenberg denken, ›Das ist die Olga von der Wolga‹, ging mir sein Lied durch den Kopf. Doch das Grinsen verkniff ich mir.
Was ich denn für ein Anliegen hätte, herrschte sie mich an. Als ich erzählte, dass ich aus Hannover käme und jetzt hier in Halle eine Wohnung suchte, konnte ich verfolgen, wie ihr langsam die Gesichtszüge entglitten. Dabei schwoll ihr ohnehin schon gewaltiger Busen noch weiter an. Ich bekam Angst, dass ihr gleich die Bluse platzen würde und mir die Knöpfe derselben um die Ohren flögen. In energischem Tonfall legte sie mir dann dar, dass Halle erstens eine Zuzugssperre hätte und zweitens, dass ich nicht Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sei und somit Ausländer. Und als Ausländer hätte ich ohnehin kein Recht auf Zuzug. So einfach ging das. Und damit war die Angelegenheit für sie erledigt.«

Als sich wenig später die Voraussetzungen ändern, wird der Autor bei dem Versuch eine Genossenschaftswohnung zu renovieren, fast in den Strukturen des alten Systems zerrieben. Gleichzeitig stellen ihm gewalttätige psychopathische Nachbarn nach.
Arbeit findet er dann als Architekt in Leipzig und erlebt auch dort den Übergang des alten Systems in das neue hautnah.

Ossis wie Wessis begleiten den Leser durch diese Zeit der großen gesellschaftlichen Veränderungen. Da gibt es den Stahlwerker aus Brandenburg, einen »Gas-Wasser-Sch…-Monteur« vom Niederrhein, der vor dem Finanzamt flieht und im Osten abtaucht oder den Pizzabäcker mit dem Colt im Gürtel. Der Autor begleitet aber auch ganz normale Menschen, auf ihrem Weg durch die Wirren der sich schnell wandelnden Zeit.

Nach der großen Euphorie und dem Traum von den blühenden Landschaften folgt für viele ein schwerer Kater, der in lang anhaltender Frustration endet. In zahlreichen skurrilen, schrägen, aber auch berührenden Geschichten schildert der Autor diesen historischen Moment der jüngeren deutschen Geschichte, die gleichzeitig auch Zeitgeschichte ist. Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung begibt sich der Leser auf eine schillernde Expedition in die längst vergessenen Zeiten der Wende.

Der Autor Zaubi M. Saubert wurde genau ein Jahr und einen Tag vor dem Mauerbau in einem Vorort Hamburgs geboren. Nach seiner Kindheit und Jugend am Niederrhein und in der niedersächsischen Provinz verschlägt ihn sein Studium nach Hannover, wo dieser Roman seinen Anfang nimmt.

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